Interview mit Morihiro Saito Sensei im Mai 1999 - Iwama Ryu Aikido

Interview mit Morihiro Saito Sensei im Mai 1999

Interview mit Morihiro Saito Sensei im Mai 1999
Franziska Roller, Miles Kessler

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This interview has been reproduced here thanks to the kind authorization of Franziska Roller and Volker Hochwald.
The original page is at www.aikido-stuttgart.de

Am Verzeichnis

  • Was ist der bedeutendste Unterschied zwischen Aikido und einem anderen Kampfstil?
  • Was ist die Bedeutung der Waffen im Takemusu Aikido, und in welcher Beziehung stehen sie zu den Tai Jutsu Techniken?
  • Es gibt viele Ausländer in Japan, welche die japanische Kultur nicht verstehen. Wie können sie vom Aikidotraining profitieren? z.B.: für den Geist, die Psyche?
  • Wie nützt Aikido im täglichen Leben?
  • Viele Meister reden nicht sehr viel über O-Senseis Techniken, aber oft über seine Gedanken und seine Philosophie. Sensei, wie denken Sie darüber?
  • Was ist die Bedeutung von Kiai?

Interview

Was ist der bedeutendste Unterschied zwischen Aikido und einem anderen Kampfstil?

Morihiro Saito Sensei: Der größte Unterschied ist auf jeden Fall, daß es keinen Wettkampf gibt. Der Begründer des Aikido hat verschiedene Kampfstile erlernt und hat mit vielen anderen Disziplinen gekämpft und erkannte dabei: Wettkämpfe sind nicht notwendig. Das Ziel ist, mit Hilfe der traditionellen Kampfkunst des Aikido eine schöne Welt zu schaffen, die wie das Haus einer großen Familie ist, in der die Menschen nie mehr miteinander konkurrieren. Der Begründer schrieb ein Gedicht; darin heißt es: "Diese schöne Form von Himmel und Erde ist eine Familie, geschaffen von dem Geist, der uns schützt und leitet." Das ist das Gefühl des Aikido. Zudem ist dieser Kampfstil völlig rational zu verstehen. Ich denke zwar, daß jeder Kampfstil rational ist, doch für Aikido trifft das in besonderer Weise zu. Jeder kann es verstehen. Es ist kein Kampfstil nur für starke oder gut trainierte Menschen. Auch ältere und Kinder, alle können mit Freude trainieren und gute Aikidoka werden. Ich habe schon vielerlei Kampfstile ausprobiert, doch dies hat mir wohl am Aikido gefallen.

Was ist die Bedeutung der Waffen im Takemusu Aikido, und in welcher Beziehung stehen sie zu den Tai Jutsu Techniken?


O-Sensei &
Saito Sensei
Morihiro Saito Sensei: Aikido ist Budo. Egal wie gut einer im Judo ist, wenn er ein Kendoschwert nimmt und gegen einen Oberschüler (Schüler der Senior High School, Anm.d.Ü.) verliert, ist er kein Budoka sondern ein Judoka. Selbst wenn einer Japans Nummer eins im Kendo wird, wenn er einen Judoanzug anzieht und von einem Mittelschüler (Schüler der Junior High School, Anm.d.Ü.) geworfen wird, ist er ein Kendoka und kein Budoka. O-Sensei sagt: "Das ist nicht gut." Alles ist ein Gesamtes. Deshalb sind im Aikido, auch wenn das Prinzip des Schwertes prägend ist, alle Bewegungen, sowohl in den Körper-, als auch in den Waffentechniken vollkommen gleichwertig; darum kann man die Waffentechniken im Aikido nicht entbehren. Sie sind ein Teil des Aikido. Manche sagen, Aikido sei eine Sammlung von Techniken, doch das ist nicht so. Wie soll ich es sagen..., jeder Aspekt ist ein Teil des Ganzen. Gleichgültig, welchen Teilbereich man aufgreift, sei es Bokken oder Jo oder Taijutsu, für sich allein genommen ist keins davon vollständiges Aikido. Deswegen ist der Waffenkampf ein besonders wichtiger Teil im Aikido.

Es gibt viele Ausländer in Japan, welche die japanische Kultur nicht verstehen. Wie können sie vom Aikidotraining profitieren? z.B.: für den Geist, die Psyche?

Morihiro Saito Sensei: Durch Aikido können alle zu guten Menschen von innerer Größe werden. O-Sensei sagte immer: "Wenn ihr euch nicht für die Menschheit und die Welt bemüht, dann lehre ich euch nicht. Deswegen sollt ihr mit Aikido euren Körper stärken und durch das Prinzip des Aikido erlernen, euch mit allem zu verbinden, Harmonie zu schaffen, und ihr sollt euch um die Menschheit und die Welt bemühen." O-Sensei würde die Frage, was Aikido ist, folgendermaßen beantworten: Es ist ein Kampfstil der Menschenerziehung und -bildung, um die Gesellschaft schön und gut zu gestalten - also ohne Wettkampf. Mit diesem Prinzip des Aikido eine friedliche und gute Welt zu schaffen, ist die Bitte O-Senseis. Darum braucht man keinen Wettkampf. Es gibt so viele verschiedene Techniken der gewaltfreien Selbstverteidigung. Beim Wettkampf aber beginnt man seine bevorzugte Technik zu entwickeln und auf den Moment zu warten, in dem man sie einsetzen kann. Und das ist genau der Moment, in dem man Gefahr läuft, überwältigt zu werden. Deswegen sagte O-Sensei, daß wir ernsthaft und mit dem Gefühl, mit der Vorstellung trainieren sollten, ständig von vielen Angreifern umringt zu sein. Aikido ist also in wirklichen Situationen der Konfrontation besonders hilfreich, weil wir eine solche Vielzahl von Techniken trainieren, für die man weder Kraft noch Gewalt anwenden muß.

Wie nützt Aikido im täglichen Leben?


O-Sensei
Noma Dojo - 1936
Morihiro Saito Sensei: Der hauptsächliche und wichtigste Nutzen von Aikido im Alltag besteht darin, das Awase zu entwickeln, das heißt Harmonie zu schaffen, sich zu verbinden, einander zu begegnen. Ob groß oder klein, dick oder dünn, steif oder gelenkig, für jede Person gibt es eine Variation der Aikido-Prinzipien. Deswegen soll man nicht aufeinanderprallen und sich streiten, sondern die Bewegung des anderen aufnehmen, das heißt, wenn der oder die Andere drückt, dann ziehen, und wenn er oder sie zieht, dann schieben. Dies ist auch eine Form von Awase; wenn der andere attackiert soll man sich zurückziehen oder ihm gut zuhören, denn sonst kommt es zu einem Streit; oder wenn der andere zurückhaltend oder schüchtern ist, soll man ihn mit lauter Stimme anfeuern und ihm Mut machen. So kann man für allerlei, sowohl im Gespräch, als auch bei der Arbeit und in der Gesellschaft, für alles die Prinzipien des Aikido anwenden. Darum sagt fast jeder Meister oft zu seinen Studenten. "Wenn ihr in die Arbeitswelt einsteigt, sollt ihr die Prinzipien des Aikido anwenden. Ihr sollt Aikido in der Gesellschaft anwenden..." Deshalb hat man, wenn man viel Aikido macht, tatsächlich tiefe Einsichten, und es gibt viele hilfreiche Möglichkeiten um Aikido anzuwenden. In diesem Sinne sind sich wohl alle Kampfstile ähnlich, aber im Aikido tritt das besonders hervor.

Viele Meister reden nicht sehr viel über O-Senseis Techniken, aber oft über seine Gedanken und seine Philosophie. Sensei, wie denken Sie darüber?

Morihiro Saito Sensei: Es gibt viele Aikidomeister, doch nur wenige von ihnen wurden viel von O-Sensei unterrichtet. Im wirklichen Budo drückt man sich nicht in Wort und Schrift aus. "Den Menschen, die zu viel reden gibt Gott keine Gnade." Dies sagte O-Sensei. In der Regel sind die Leute, die viel reden und gute Aufsätze schreiben, nicht gleichzeitig auch gute Aikidoka. Es ist besser nicht so viel zu reden sondern mit dem Körper zu lernen. Natürlich sind die Menschen verschieden. Die einen lernen mit dem Kopf, indem sie zuhören, die anderen lernen mit dem Körper, indem sie zusehen. Aber der Begründer sagte immer: "Wenn ihr jemandem den Weg weist, dann müßt ihr ihn erst selber gehen. Macht es vor und zeigt es." Das heißt zum Beispiel, daß man sich, wenn man Iriminage vermitteln will, aktiv hinter den Partner bewegt und nicht den Partner zu sich her zieht. So mochte der Begründer nicht viel reden. Aber doch ist eine solche philosophische Betrachtung wohl auch wichtig. Wenn O-Sensei angefangen hat, über Aikido zu reden, sind es Erzählungen über Gott geworden. Jeder Meister hat wohl seine eigenen Philosophien, aber ich mag nicht gern allzuviel reden. Manche Leute können gut reden, doch wenn man genau hinschaut, machen sie ein Aikido, das keiner versteht. Aber sie können nichts dafür, da sie von O-Sensei nicht gelehrt wurden. Selbst als Uchideshi (Hausschüler) konnte man nicht ständig in der Nähe des Meisters sein. Nach dem Krieg hatte der O-Sensei keine Arbeit mehr, und damit dieser Kampfstil weiter lebt und nicht verschwindet, begann er nun mit Leidenschaft in Iwama das Aikido zu erforschen, indem er den Budo-Schutzgöttern huldigte und jeden Morgen und Abend betete. Und so entstand schließlich das Takemusu Aikido. Er sagte, das bisherige Aikido sei nicht das "wahre" Aikido. Es mag wohl nicht falsch sein, aber so sagte es O-Sensei. Beim Takemusu nämlich entstehen nach und nach immer neue Techniken, und es ist unendlich wie eine Quelle. Deshalb gibt es für alles die entsprechende Basistechnik im Aikido. Man muß diese Grundlagen in der richtigen Reihenfolge erlernen, sonst kann man das wirkliche Aikido nicht so verstehen.

Was ist die Bedeutung von Kiai?


M. Saito Sensei
- Kiai -
Morihiro Saito Sensei: Kiai ist etwas, was ganz natürlich kommt...wenn man Ki (Energie) hat, kommt es ganz von selbst. Es gibt zwar auch Methoden, bei denen der Kiai unterdrückt wird, aber bei O-Sensei war das anders. Er sagte, daß man aus dem Bauch heraus laut schreien sollte. In der Tat ist in der Kampfkunst ein großes Kiai ein Zeichen, daß man viel Energie hat. Kiai ist sehr wichtig, denn ein Training ohne Kiai macht keine großen Fortschritte, es ist nicht kraftvoll, hat keine Energien. Mit einer Stimme mit einem großen Kiai ist ein Training voller Energie. Deshalb sollte man besser laut schreien. O-Sensei hat immer gesagt: "Was ist denn das für ein Kiai? Mach ein größeres Kiai! Geht raus und laßt die Spatzen von den Bäumen fallen!" Das Kiai von O-Sensei hat die Scheiben klirren lassen. Er erzählte immer stolz: "Als ich einmal in Osaka bei der Asahi Shimbun (jap. Tageszeitung) ein Kiai gemacht habe, sind 14 Leute von den Stühlen gefallen." Darum ist das Kiai im Training wichtig. Wenn man irgendwo trainiert, wo man keinen Lärm machen darf, wenn z.B. die Nachbarn sich beschweren, hat man keine Wahl und muß still trainieren. Aber wenn es irgend geht, sollte man ein lautes Kiai machen

Sensei, vielen Dank für das Interview.

© Interview: Franziska Roller, Miles Kessler

© Übersetzung: Emi Isomura, Mark L. Larson